Gott war ein Lebendiger, eine Person

Im Evangelium bei Johannes stechen seine lebendigen Erinnerungen an die erste Begegnung mit Christus ins Auge, die sein bisheriges Leben auf den Kopf stellte (vgl. Joh 1,39). Sr. Jana Radová hatte Dank der Bitte um einen Beitrag für die Pfarrchronik von Kelč, des Ortes, aus dem sie stammt, eine ähnliche Gelegenheit zur Reflexion.

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„Meine Entscheidung zum gottgeweihten Leben ist durch viele Berührungen der Gnade Gottes herangereift. Im Rückblick sehe ich, wie Gott mich seit der Kindheit angezogen hat. Mein Weg der Berufung begann in der Familie. Zuhause sprachen wir ganz normal über Gott und Glaubensdinge. Gott war ein Lebendiger, eine Person. Zur hl. Messe gingen wir oft auch während der Woche und den Eltern verdanken wir es auch, dass wir gelernt haben, regelmäßig und mit Freude die Sakramente zu empfangen.
Unseren Großonkel, P. František Pitrun SDB besuchten wir bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 1990 fast jeden Sonntag in seinem Pfarrhof. Manchmal kam auch er zu uns auf Besuch nach Kelč. Als ich noch klein war, machte ich mit ihm nach dem Mittagessen einen Spaziergang: ein fünfjähriges Mädchen mit Puppe im Wagerl und ein älterer Herr Pfarrer mit dem Brevier unterm Arm. Am Ziel unseres Spaziergangs, einem kleinen Teich in der Nähe, setzte sich der Onkel dort auf eine Bank und betete, während ich nervös mit dem Puppenwagen auf und ab ging, weil mir sein Gebet sehr lang vorkam… Ich glaube, auch er hat seinen Anteil an meiner Berufung.
Ein Kapuzinerpater, P. Cyril Tomaško OFMCap, bemühte sich, unsere Erkenntnisse in den Religionsstunden zu vertiefen. Ich erinnere mich, wie mich in der dritten Klasse bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion seine zudringliche Frage beeindruckte: ‚Wozu sind wir auf der Welt?‘ Ich dachte wirklich angestrengt nach, aber ich kam auf überhaupt nichts! Der ehrwürdige Pater jedoch antwortete auf eine Antwort aus dem Katechismus. Er musste sie selber geben: ‚Wir sind auf der Welt, damit wir Gott erkennen, ihn lieben, ihm dienen und so gerettet werden.‘ Heute weiß ich schon, dass es sich auszahlt, diesen Satz in sich reifen zu lassen…
Es war für mich ein Geschenk, von P. Cyril zusammen mit meiner Schwester in den Chor eingeladen zu werden. Wir trafen uns – wegen der Totalität möglichst unauffällig – im damals unbewohnten alten Pfarrhof. Ich erinnere mich, dass während unserer Treffen oft irgendwelche Geräusche am Gang zu hören waren, jemand beobachtete uns. Die Leiterin des Chores öffnete immer unerschrocken die Tür und sagte: ‚Komm weiter, du Geist, wenn du gut bist.‘ Keine Antwort. Ich glaube, wir wissen nicht einmal, was sie wegen uns ausgestanden hat. Der Chor war für mich eine Schule der persönlichen Beziehung zu Gott, des Gebetes und der Gemeinschaft.
Irgendwann in der zweiten Klasse der Volksschule begann ich auf dem Weg von der Schule kurz in der Kirche Halt zu machen (war es eine Frucht des Sakramentes der Firmung?). Sie war bis zum Gitter geöffnet, und dieses Gitter hat gleichsam meine Sehnsucht nach Gott ‚zum Quadrat‘ vervielfältigt. Nach der Volksschule ging ich in eine kirchliche Mittelschule, an die ich sehr gerne zurückdenke. Dort wirkten Ordensschwestern, über die ich in Zusammenhang mit der Suche meines Platzes in Welt und Kirche eine Zeitlang ernsthaft nachdachte. Zu dieser Zeit brauchte ich aber für mein Reifen vor allem Zeit und Geduld.
Im letzten Jahr der Mittelschule wurden zwei Schwestern der Gemeinschaft der Schwestern Jesu (SSJ) zu uns ins Internat eingeladen. Zuerst war ich eher enttäuscht: die Schwestern trugen z.B. keinen Habit. Nach der Matura fuhr ich zu Exerzitien nach Český Těšín, die der Gründer der SSJ, der Jesuit P. Robert Kunert, leitete. Sie waren ausgerichtet auf die Suche der Berufung. Es war mir dann zwar nicht viel klarer, aber ich bemühte mich, ernsthaft im Gebet zu suchen und hielt Kontakt mit den Schwestern. Am meisten half mir der erste Besuch am Christkönigsfest 1995 bei den Schwestern in Moravská Húzová bei Olomouc. Schwer zu beschreiben, was ich dort erlebte… In dem äußerlich schlichten und einfachen Lebensstil der Schwestern entdeckte ich eine ungeahnte Tiefe. Und eine persönliche Einladung! Kurz, seit dieser Zeit weiß ich, dass Gott unwiderstehlich ist.“

 

„Die Wenigsten erkennen, was Gott ihnen tun würde, wenn sie sich ihm ganz überließen.“
(Hl. Ignatius von Loyola)